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Dies ist eine Kurzgeschichte, die ich einfach schreiben wollte, weil ich Lust hatte. Keine große Literatur, aber mir hats Spaß gemacht :-)

Abgeschweift

Eine Kurzgeschichte ohne Struktur

Die Kerze flackert unstet auf dem Fensterbrett, während ich, mit Feder und Papier ausgestattet, nun endlich die ersten Worte einer geheimnisvollen Begebenheit aufzeichne. Es riecht nach alten Seiten, Druckerschwärze und Tinte. Mein Blick könnte, wenn er wollte, manchmal von meinem Schreibtisch aufblicken und durchs alte Fenster über die Wälder, Felder, Auen und Dörfer der Gegend sehen. Meine Füße werden von einer schnurrenden Katze gewärmt, die eben noch vor dem Kamin lag, aus dem immer wieder das knacken im Feuer brechender Holzscheite heraus erklingt. Von weit her hört man ein Piano eine sanfte Melodie spielen.

So wundervoll in Träumen schwelgend, sitze ich vor einem flimmernden, regelmäßig nicht identifizierbare Brummlaute austoßenden Bildschirm in meiner kleinen Wohnung direkt neben der Bahntrasse, über die natürlich wie auf Knopfdruck ein gefühlte fünf Kilometer langer Güterzug brettern muss, um mein Trommelfell zu belasten. Während ich diese Eindrücke verarbeiten muss, versuche ich eine Inspiration zu finden. Es konnte doch nicht so schwer sein, einige kleine Sätze zu tippen, den Buchstaben leben einzuhauchen und sich eine Geschichte entwickeln zu lassen? Doch ich muss mir eingestehen: Ja, es ist schwer. Besonders wenn man eine andauernde Schreibhemmung hat und zudem ständig mit der Angst leben muss, der mit der Lautstärke eines Föhns summende Bildschirm könnte einem jeden Augenblick um die Ohren fliegen. Nein, so kann das nicht gehen. Aber wie sonst? Normalerweise sprudeln die Worte aus mir hervor wie aus einem Brunnen oder eher ein Geysir. Nur scheint bei mir das Erdfeuer die Beheizung der kreativen Energie zwecks Beförderung zur mentalen Oberfläche, sprich, zum Bewusstsein, zeitweilig eingestellt zu haben. Anders kann ich es mir nicht erklären. Da habe ich wohl Pech gehabt.

Dabei war ich vor einem Jahr noch so glücklich wie nie. Ein Verlag hatte mein Manuskript verlegt und die Sonne scheinte so schön wie noch nie. Statt sie genießen zu können musste ich begreifen, dass ein Buch auf dem Markt noch lang kein Erfolg als Autor bedeutet und das auch Verlage Knebelverträge aufsetzen können. Statt im Licht zu baden, konnte ich das nur in meinem eigenen Schweiß tun. Wenn ich bald nicht etwas schreiben würde, hätte ich ernsthafte Probleme. Aber was kümmert das schon mein bockendes Über-Ich, ganz zu schweigen von meinem Es, Sie, Ihm und nicht zu vergessen Er?

Und während ich da herum sitze und ich mich nun wirklich nicht auf meinen noch nicht vorhandenen Text konzentrieren kann, übermannt mich meine Müdigkeit. Ich sitze direkt vor dem vom Elektro-Smog her wahrscheinlich mit einem mittleren Umspannwerk vergleichbarem Bildschirm und schlafe eine Weile. Sollten Sie übrigens auch öfters tun, einfach mal bei der Arbeit ein Nickerchen einlegen, das soll einen danach produktiver machen. Finde ich ganz interessant. Man schläft eine halbe Stunde und kann sich dann so gut konzentrieren, dass man danach für seine Aufgaben fünf Minuten weniger Zeit braucht. Aber ich schweife ab, was aber auch nicht schlimm ist. Schließlich mache ich das ja gerade auch in der Handlung. Ich erspare es ihnen durch diesen Trick, mein Schnarchen zu beschreiben, denn auch wenn dieser Text sich sehr an den Sachverhalt anpassen soll, möchte ich doch einiges nicht einfügen, wie zum Bleistift die drei Hs Hämorriden, Harn und Stuhlgang. Aber davon später mehr.

Wo waren wir? Stimmt ja, ich schlafe. Also während ich schlafe, kommt langsam in mein Bewusstsein ein Traum geschlichen. Er fragt mich höflich, ob ich ihn denn träumen wolle, worauf ich ihn natürlich frage, was er denn für ein Traum sei. Er guckt was zerknirscht und meint, er sei leider nur ein Traum über Hämorriden, Harn und Stuhlgang. Ich blicke ihm mit meinem unvergleichbaren durchdringenden Blick lange an. Danach sage ich ihm mit dem nötigen Nachdruck, dass er sich verziehen solle, worauf er, naturellment, verschwindet und ich aufwache. Ich mag Gespräche mit Träumen. Vielleicht sollte man ein Buch darüber schreiben.

Ha! Ja, diesen Einfall hatte ich gebraucht. Genau dieser Gedanke hat mir gefehlt. Und schon packt er mich. Ja! Das war es, die Idee, die mir von Anfang an gefehlt hatte, ein Roman über die Macht der Träume, in denen der Protagonist sich Rat von seinen Träumen holt, oder ein Roman, in dem der Protagonist eine Psychose bekommt – eigentlich läuft so etwas ja aufs Selbe hinaus. Und sofort fange ich an Konzepte zu entwickeln, Handlungsstränge werden verflechtet, bis ich mir mein Werk voller neu gewonnener Selbstachtung ansehe. Und der Bildschirm implodiert.

Subjektive 30 Tage, einige genähte Wunden und mehr als nur einen Nervenzusammenbruch später sitze ich in einer Klinik, in der eine sehr nett wirkende Ärztin versucht, mit mir zu kommunizieren. Ich lehne mit Bezug auf meinen derzeitigen Schockzustand ein Gespräch entschieden ab, was sie mit etwas irritiertem Blick akzeptiert und mich in dem weiß gestrichenem Raum zurück lässt. Durchs Fenster sieht man auf einen netten kleinen ordentlichen Park hinab, in dem einige Zivis und Pfleger mit irgendwelchen Menschen Spaziergänge unternehmen. Wenn ich meinen Blick höher schweifen lasse sehe ich sogar einige Felder und Wiesen. Durch letztere schlängelt sich idyllisch ein kleiner Bach, umwachsen von Silberweiden. Mir wird warm ums Herz. Es ist schön hier, sage ich zu mir, das einzige, was mich stört, ist ein anhaltender Juckreiz an der rechten Schulter. Aber was soll man machen, Zwangsjacken sind halt unbequem.

text.jpg: 1280x960, 239k (December 29, 2008, at 10:12 PM)
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